Landsmannschaftssprecher Stephan Grigat kritisiert Moskau – Lob für Dobrindt
Die weltpolitischen Spannungen treffen auch die Ostpreußen mit wachsender Härte. Bei ihrem Treffen in Wolfsburg am 6. Juni, zu dem sich die Vertriebenen aus der historischen Ostprovinz mit ihren Nachkommen und Interessierten in der VW-Stadt alle zwei Jahre versammeln, gab der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen (LO), Stephan Grigat, bekannt, dass die russische Führung die LO zwei Wochen zuvor zur „unerwünschten Organisation" erklärt habe.
Dies trifft die Ostpreußen hart. Seit der Öffnung des russischen Nordens ihrer Heimat mit der Hauptstadt Königsberg sind zahllose Kontakte zu den heutigen Bewohnern der Region entstanden. Nun sehe man sich dort Verfolgung ausgesetzt, so Grigat. Auch er wünsche sich nachdrücklich eine baldige, friedliche Beendigung des Ukrainekrieges. Doch werde dies dadurch behindert, dass Moskau seine Vorstellungen „mit dem Vorschlaghammer" durchsetzen wolle. Frieden zwischen Russland und Deutschland sei immer eine gute Basis für das Miteinander in Europa gewesen, dies müsse aber auch von beiden Seiten gewollt werden.
Weitaus positiver bewertete Grigat die Entwicklung der Politik in Berlin hinsichtlich der Anliegen der Vertriebenen. Seit dem Antritt der neuen Regierung seien die Vertriebenenanliegen „nicht mehr dem Vernichtungswillen von Claudia Roth ausgesetzt". Nunmehr seien alle Vertriebenenbelange bei Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gebündelt, der sich selbst als „Bundesvertriebenenminister" bezeichne, was Ausdruck echter Solidarität sei, die er durch sein Handeln beweise.
Der erst im vergangenen Oktober neu ins Amt gewählte Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), Stephan Mayer, bestätigte in Wolfsburg den neuen Wind aus Berlin. Die Handschrift des BdV sei im Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot deutlich zu sehen. Dobrindt, Parteifreund von Mayer, zeige sich dem BdV gegenüber „ausgesprochen offen". Derzeit habe das Schicksal der deutschen Heimatvertrieben „noch nicht den Stellenwert in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, der ihm zukommt", so Mayer. Etwa bei der Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin müsse „klar werden, dass der Schwerpunkt die deutschen Heimatvertriebenen" darstellten. Durch personelle Veränderungen bei der Stiftung sei man hier bereits auf einem guten Weg.
Deutlich mehr junge Menschen
Dass der geringe Stellenwert der Geschichte der Vertriebenen im Bewusstsein der Deutschen überraschen muss, war auch den Worten von Wolfsburgs Oberbürgermeister Dennis Weilmann (CDU) zu entnehmen, der die Ostpreußen persönlich begrüßte. Als seine Stadt nach dem Krieg rasant aufstieg, seien 40 Prozent der Bewohner Vertriebene gewesen, die an der Entwicklung der Auto-Metropole massiven Anteil gehabt hätten.
BdV-Chef Mayer hob das Treffen der Sudetendeutschen im mährischen Brünn (die PAZ berichtete) als wegweisend hervor. Dort fand unlängst das erste Treffen deutscher Heimatvertriebener in den Vertreibungsgebieten statt. Das sei vor zehn, 15 Jahren „undenkbar" gewesen, so Mayer: „Das deutsch-tschechische Verhältnis hat sich phänomenal verbessert".
Wie schon sein Vorgänger war auch Litauens Botschafter Giedrius Puodžiūnas nach Wolfsburg gekommen. Mit dem Memelland gehört ein Teil Ostpreußens heute zu Litauen. Puodžiūnas stellte die engen historischen Bande zwischen Ostpreußen und seiner Heimat in den Mittelpunkt. So sei 1547 das erste gedruckte Buch in litauischer Sprache in Königsberg gefertigt worden. Dies sei ein wesentlicher Beitrag dazu gewesen, dass die litauische Sprache erhalten geblieben sei.
Heinrich Hoch, Vorsitzender des Verbandes der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren, war als Vertreter der Deutschen Minderheit im südlichen, zu Polen gehörenden Teils von Ostpreußen nach Wolfsburg gekommen. Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag sei nun 35 Jahre alt, so Hoch. Die Aufgabe der in der Heimat verbliebenen Deutschen bestehe darin, sichtbar zu machen, dass „dies auch deutsches Land ist", in dem er und seine in der Heimat verbliebenen Landsleute lebten.
Der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im südlichen Ostpreußen, Domherr André Schmeier, stellte die Absage an Hass und Vergeltung in den Mittelpunkt seines geistlichen Wortes an die Versammelten. Frieden beginne nicht zwischen Staaten, sondern zwischen Menschen. Gerade vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Spannungen gelte es daher, „Brücken zu bauen, statt Mauern zu errichten", so Schmeiers Appell.
Im Rahmen des Treffens verlieh die LO ihren Ostpreußischen Kulturpreis in diesem Jahr an den Historiker Manfred Kittel, Professor an der Uni Regensburg. Kittel lobte die Aufstellung eines Denkmals für die polnischen Opfer des Weltkrieges am Reichstag. Es wäre, so Kittel, aber „ein gutes Zeichen", wenn solche Zeichen als Erinnerung an die deutschen Opfer der Vertreibung auch in Stettin oder Breslau entstünden.
Neben der Hauptveranstaltung präsentierten sich zahlreiche ostpreußische Kreisgemeinschaften und andere Organisationen wie der Jugendverband der LO sowie heimat- und familiengeschichtlich aktive Vereine. Sie berichteten im Gespräch mit der PAZ von einer spürbar gewachsenen Resonanz an ihren Ständen gegenüber dem Treffen 2022. Die LO bestätigt den Eindruck: Im Vergleich zur Veranstaltung vor zwei Jahren sei die Teilnehmerzahl nicht nur auf mehr als 1.000 gestiegen. Vor allem hätten sich deutlich mehr junge Menschen auf dem Treffen getummelt als vergangenes Mal. 81 Jahre nach Krieg und Vertreibung lässt diese Entwicklung aufhorchen, was von der LO mit großer Zuversicht quittiert wurde.